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Partnerschaftstreffen mit Vollprogramm


11. Oktober 2019

Band des gegenseitigen Interesses und Verständnisses gestärkt

USTI n.L. | LITOMERICE – Zu einem anderthalbtägigen Besuch waren 13 Mitarbeitende aus dem Landeskirchenamt in Dresden auf tschechischer Seite gemeinsam mit Vertretern der Prager zentralen Kirchenkanzlei zu Gast. Diesmal ging die Fahrt, die am Nachmittag des 9. Oktober startete, nicht nach Prag, sondern ins vergleichsweise nahe Ústí nad Labem (Aussig) und später nach Litoměřice (Leitmeritz). In Ústí wurden die Teilnehmenden von Vertretern der örtlichen Gemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) begrüßt. Pfarrer Tomáš Jun stellte seine Gemeinde und die Kirche vor.

Er sei erst seit einem Jahr in dieser Gemeinde, die sich nach dem 2. Weltkrieg aus vielen Zuzügen von Tschechen aus dem In- und Ausland gebildet hat. Damals seien es 4.000 Gemeindeglieder gewesen, unter denen anfangs jährlich 160 junge Menschen konfirmiert wurden. Leider habe das kirchliche Leben schnell an Dynamik verloren, sagte er. Aufgrund der heterogenen Struktur der Gemeinde habe es Schwierigkeiten gegeben, die in einer der stärksten atheistisch geprägten Region nicht aufgefangen werden konnten. Zuletzt brach der Nachwuchs völlig ein.  

Seit einiger Zeit könne die Gemeinde nur mitverwaltet werden und seine Stelle sei eine von der Gesamtkirche getragene „strategische Pfarrstelle“. Seitdem der junge Pfarrer Jun mit seiner Familie da sei, kämen auch mehr junge Menschen zum Gottesdienst und es habe auch wieder Taufen und Trauungen gegeben.
Nach der Vorstellungsrunde im alten Pfarr- und Gemeindehaus, das früher eine Fabrikantenvilla war, lud er in die Apostel Paulus-Kirche, „Rote Kirche“ genannt, zur Andacht ein. Diese backsteinverkleidete Kirche war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste in Betonbauweise (Deckengewölbe). Die ehemalige deutsche evangelische Kirche von Aussig teilen sich jetzt die EKBB und die Hussitische Kirche. 

Die abendliche Fahrt führte dann entlang der Elbe nach Leitmeritz zu einem Hostel in einem ehemaligen Priesterseminar der katholischen Kirche, an dem es auch ein Brauhaus gibt. In der Bischofsbrauerei bei St. Stephanus fand ein Abend der Begegnung und der gemeinsamen Gespräche statt, bevor sich ein spätabendlicher Stadtrundgang anschloss.
Am nächsten Morgen begann der Tag mit einer zweisprachigen Andacht im früheren Trakt des Priesterseminars.  

Es folgten Gespräche über aktuelle Herausforderungen und Zukunftserwartungen beider Kirchen. Der leitende Geschäftsführer der zentralen Kirchenkanzlei, Jaromír Plíšek, der mit seiner Frau ebenfalls am Treffen teilnahm, berichtete von einem strategischen Plan, den die Frühjahrssynode beschlossen hatte. Dieser Plan entstand in fünf Jahren durch eine Kommission und er sei bis 2030 konzipiert, der derzeit in den Gemeinden diskutiert werde. Plíšek stellte sieben Hauptthemen des Papiers vor. Gleichzeitig würden damit Defizite genannt. Er erläuterte die Inhalte unter den hier genannten Schlagworten von Offener Gemeinde, Frömmigkeit (Glaubenspraxis), verständliche Sprache, Stellung der Schlüsselpersonen (Pfarrer, Kirchenälteste), Anspruch und Übergang zur Selbstfinanzierung, Diakonische Akademie sowie effektive Leistung und Wirtschaftlichkeit. Der Synodalrat werde es unterstützen und begleiten. 

Der sächsische Ökumene-Beauftragte, Oberkirchenrat Friedemann Oehme, erläuterte die derzeitigen Strukturveränderungen in der sächsischen Landeskirche mit der Bildung von größeren Struktureinheiten. Trotz Personalabbau würden Projekte für Mission und Gemeindeaufbau gezielt gefördert, um dem ebenfalls der demografischen und kirchenspezifischen Rückgänge in der Mitgliederzahl zu begegnen. Aufgrund seiner Auslandserfahrungen in Partnerkirchen und –gemeinden sehe der Ökumene-Beauftragte die momentane Situation in Deutschland noch auf einem anderen Niveau. Manchmal fehle die Bereitschaft, über den eigenen gemeindlichen Tellerrand zu schauen. Die Dresdner Mitarbeitenden unter Moderation der juristischen Kirchenrätin Dr. Viola Vogel stellten in der Runde noch ihre jeweiligen Arbeitsfelder vor, die sie ebenfalls im Kontext der Veränderungen spiegelten. 

Im Anschluss ging die Fahrt von Leitmeritz nach Theresienstadt zu den sozialtherapeutischen Werkstätten der Diakonie der EKBB. Sie sind ein Beispiel für die Aufbauarbeit der Diakonie in der Kirche. Nach der verheerenden Flut von 2001 unterstützte die Diakonie Katastrophenhilfe in Deutschland beim Erwerb und Auf- und Ausbau von zwei Häusern für die Diakonie. Der Besuch galt der sozialtherapeutischen Werkstatt, in der bis zu 29 Klienten mit geistiger Behinderung Fertigkeiten einüben und erlernen, die sie für die Rehabilitation vorbereiten sollen. Neben verschiedenen praktischen Tätigkeiten steht die Werkstatt in enger Verbindung mit dem im Erdgeschoss befindlichen Restaurant „Klobouk“ mit geschützten Arbeitsplätzen. Diese preiswerte Gastronomie sei nach Angaben der Diakonie nachgefragt und ausgelastet, die bis zu vier Gerichte anbietet. 

Mit Theresienstadt verbindet sich aber auch die dunkelste Zeit des vergangenen Jahrhunderts mit der Verfolgung und Internierung von NS-Regimekritikern während der Besatzungszeit. Besonders aber gilt der Ort als Vorstufe und Sammellager vor der Vernichtungsmaschinerie für die jüdische Bevölkerung. 1941 wurde die Festungsstadt zum Ghetto, obwohl als Vorzeigelager für internationale Organisationen, gingen auch von hier Sammeltransporte mit tausenden Juden in die Vernichtungslager im Osten. Angesichts dieser grausamen Geschichte, begleiteten die Teilnehmenden beim Besuch des Gestapo-Gefängnisses in der „Kleinen Festung“ die Gedanken an den aktuellen Mordanschlag auf die jüdische Gemeinde in Halle. Unfassbar angesichts dessen, was noch mal verschärft in dem KZ als authentischer Ort zu sehen und zu hören war.    

Nach der Besichtigung des massigen und riesigen Bauerwerks, das ab 1780 von den Habsburgern als Verteidigungsbastion errichtet wurde, ging es für die Gruppe zurück nach Leitmeritz zur dortigen Gemeinde der Böhmischen Brüder. Begrüßt wurden die Dresdner und die Prager Gäste vom jungen Pfarrer Jiří Šamšula in einem großen herrschaftlichen Wohngebäude in guter Lage. Ebenfalls anwesend war dessen Vorgänger Zdeněk Bárta. Zwei Generationen, der eine, der die heutige Protestbewegung gegen Korruption unterstützt, und der andere, der davon erzählte, dass sich in diesem Haus das damalige Bürgerforum zur politischen Wende 1989/90 versammelte. Sie berichteten, dass dieses Haus 1947 von der Stadt der evangelischen Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Seitdem ist es Heimstatt der Gemeinde, Sitz der regionalen Diakonieverwaltung und Ort einer sozialdiakonischen Tageseinrichtung. Auch hier gebe es nur eine kleine Gemeinde, aber mit der sehr kulturaufgeschlossenen Stadt mit vielen christlichen Kirchen und Gemeinschaften, sei hier für Pfarrer Šamšula ein interessantes Gegenüber mit Anknüpfungspunkten.  

Der Dresdner Ökumene-Referent Friedemann Oehme verwies am Ende auf die gut 25-jährige Geschichte des Kontakts zwischen Mitarbeitenden beider Kirchenämter in den Nachbarregionen. Er hob die jährlichen Begegnungen hervor, die im Wechsel entweder in Tschechien oder in Sachsen stattfinden. So gab es zudem Wochenendbegegnungen in beiden Ländern, bei denen thematisch gearbeitet wurde. Die Partnerschaft zwischen Mitarbeitenden entsprechender zentraler Kirchenämter dürfte in Deutschland einmalig sein. Dieser Kontakt ergänzt jene Partnerschaften, die auch im Laufe der Zeit zwischen einzelnen Gemeinden entstanden sind.  

Im letzten Jahr feierte die EKBB  mit vielen Veranstaltungen ihr 100-jähriges Bestehen der. Sie entstand 1918 aus der Vereinigung der evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses und der Kirche Helvetischen Bekenntnisses.  

Vor der Diakonie-Einrichtung in Theresienstadt
Gespräch mit Pfarrer Tomáš Jun im Gemeindesaal
"Rote Kirche" Apostel Paulus in Usti n.L.
Gesprächsrunde über die Zukunft der Kirche
Sozialtherapeutische Werkstatt in Theresienstadt
Gräberfeld vor dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis
Gespräch mit den Pfarrern Šamšula und Bártas in Leitmeritz
Neue Räume der Diakonie im Dachgeschoss des Hauses in Leitmeritz

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