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Neues Altarbild der Dresdner Annenkirche eingeweiht


26. März 2017

Marlene Dumas: Das Werk solle ein Zeichen für gute und schlechte Zeiten sein

DRESDEN – In einem festlich gestalteten Gottesdienst wurden am frühen Nachmittag des Sonntags Lätare, 26. März, das neue, von der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas gestaltete Altarbild der Annenkirchgemeinde übergeben. Die Predigt hielt Landesbischof Dr. Carsten Rentzing. Im Gottesdienst würdigte Hilke Wagner, Direktorin der Sächsischen Kunstsammlungen, Dumas Werk.

Beim anschließenden Gemeindefest wurden Bilder von Kindern präsentiert, die sich unter Anleitung von Gemeindepädagogin Theresa Rossenbach mit der Gestaltung von Altarbildern auseinandergesetzt hatten.

Marlene Dumas begann ihren Schaffensprozess für das Dresdner Altarbild in ihrem Amsterdamer Atelier im Jahr 2014. Künstlerisch unterstützt wurde sie von Jan Andriesse und Bert Boogaard. Die Gestaltung des Altarbildes war für die Malerin ein außergewöhnliches Unterfangen allein schon der Maße wegen: Es ist 3,60 Meter breit und 7,80 Meter hoch. Es besteht aus fünf Rundbildern von Marlene Dumas, einem sechsten von Jan Andriesse und einem von Bert Boogaard gemalten Lebensbaum, der sie miteinander verbindet. In den Motiven werden die großen christlichen und menschlichen Themen auf unmittelbare Art und Weise aktuell.

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing fragte in der Predigt, was wohl von der gegenwärtigen Generation an geistlicher Formgebung bleibe? Er verglich dies mit der Ausstrahlungskraft gotischer Kathedralen und anderer Stile mit ihrem Transzendenzbezug der Kunst. „Kunst ist mehr als die Darstellung der Gegenwart“, sagte er und verwies darauf, dass „kirchliche Kunst immer von diesem Streben nach Transzendenz geprägt war und ist“.

In der christlichen Überzeugung sei Jesus Christus das Bild Gottes, was nach dem jüdischen Kontext des Bilderverbots, ein neues Verständnis durch die christliche Kunstgeschichte beginnen ließ. Dieses Altarbild werde zum prägenden Objekt des Raumes, passend und geradezu zeichenhaft in der Passionszeit, die vom Leidensweg Christi geprägt sei.

Das Leben verberge sich unter dem Tod. „Es ist diese Kreuzestheologie, die den christlichen Glauben vor Illusionen bewahrt. Wir malen uns diese Welt nicht so wie sie uns gefällt. Wir malen auch unser Leben nicht so, wie es uns gefällt. Wir bleiben realistisch. Wir bleiben in der Wirklichkeit“, so Dr. Rentzing. Das Altarbild arbeite mit der Darstellung des Gegensätzlichen, insoweit stehe es tatsächlich unter dem Vorzeichen des Kreuzes. Am Ende wünschte der Landesbischof, dass unter allen Widersprüchen und Verwerfungen das Kreuz Christi und damit das Göttliche entdeckt werden könne.

Christfried Weirauch, Pfarrer der Annenkirche, dankte insbesondere dem Künstlerteam um Marlene Dumas, den Unterstützern, denen, die praktisch Hand anlegten und auch Katrin Tauber, Baureferentin im Landeskirchenamt, die die Koordinierungen von Anfang an übernahm.
Die Künstlerin erwiderte anschließend den Dank für die Zusammenarbeit und die Geduld, mit der ihr Projekt seitens der Gemeinde begleitet wurde. Das Werk solle ein Zeichen für gute und schlechte Zeiten sein. Nicht wir Menschen stünden im Zentrum des Universums sagte sie. Die Menschen hätten einen wichtigen Anteil an der Schöpfung, so wie das Blatt an einem Baum.

Die Direktorin der Sächsischen Kunstsammlungen, Hilke Wagner,  stellte Dumas Arbeit als ein nicht in sich geschlossenes Werk vor.

Es sei nicht pompös, sondern habe sich in einem langen Entstehungsprozess reduziert. Das Werk stelle ein offenes Altarbild dar, das Raum für Reflexionen gebe und mit den Ästen des Lebensbaumes in die Gemeinde hineinrage. So würden verschiedene Allegorien aufgegriffen, nicht zuletzt durch die Themen der Madaillons.

Als vielleicht eindrücklichstes Motiv greife Marlene Dumas das Bild des Gekreuzigten auf. Sie löst ihn vom Kreuz, so dass er wie der Auferstehende zu schweben scheint. So wie sie das Motiv der Kreuzigung ins Hoffnungsvolle wendet, wendet sie auch die Farben: Aus dem blauen Himmel hinter dem Kreuz werde ein strahlendes Gelb und aus dem hellen Korpus werde ein schwarzer Körper. Diese Umkehrung finde auch in einem weiteren Bild des Kreuzes statt. Dabei zeige es sich weiß vor blauem Grund als Fenster, das in seiner Aussicht auf den Himmel ein Versprechen enthalte.

Ein weiteres Rundbild zeige zwei Menschen in einer anrührenden Situation: der eine wendet die Kraft auf, um den anderen zu tragen, der schlaff und leblos auf seinen Armen ruht. Das sei das Motiv der Pietà mit Maria, die den toten Christus in ihren Armen beweine. Auch hier die Umkehrung: Hier trägt ein Mann eine Frau.

Beim Schiff des Lebens nutze Dumas ein Motiv, das aus aktuellen Nachrichten bekannt sei. Das überfüllte Flüchtlingsboot scheine bedroht wie der Kahn mit Jesus und seinen Jüngern im Sturm auf dem See Genezareth. Und es sei zugleich nach oben aufgerichtet, wie das Bild der Engelsleiter in der Vision Jakobs. Darin zeige sich die Verbundenheit Gottes mit den Menschen, wie in dem Regenbogen von Jan Andriesse, der an oberster Stelle steht. Er verweise nicht nur auf die Erlösung, sondern auch auf die Schönheit der Schöpfung und die Verpflichtung, diese zu bewahren.

Bei der Darstellung des Sternenhimmels, der am Anfang der Schöpfungsgeschichte steht, bleibt in der Mitte ein Bereich weiß, weil die Malerin ihn mit ihren Armen nicht erreichen konnte: Das sei eine einfache Tatsache von weitreichender Bedeutung. Die Trennung von Licht und Finsternis, aber auch die Endlichkeit der menschlichen Möglichkeiten könne so malerisch gefasst werden.

Der aus Abschnitten von Kreisbögen abstrahierte Lebensbaum von Bert Boogaard verzweige sich wie Adern zwischen den Einzelbildern und stellt Zusammenhänge her. An seinen Ästen hängen die Glaubensmotive. Sie würden dabei auch aufgrund ihrer runden Form in Bewegung bleiben und wiesen über die Grenzen des Altarraums hinaus in das Leben der Menschen, in der Gemeinde, in die Schöpfung und in Gott.

Mit einem Kunstguttransport sind die Medaillons aus Amsterdam am 19. Februar nach Dresden gekommen, außerdem Kopien der Medaillons in gleicher Größe.

Entsprechend eines maßstabsgerechten Entwurfes wurden zunächst Kopien der Medaillons angebracht, bevor die Originale dauerhaft befestigt wurden. In der Annenkirche wurde dafür ein Gerüst aufgebaut. Der Lebensbaum selbst wurde mit Farbe auf den besonders gefertigten Untergrund gebracht.

Musikalisch wurde der Gottesdienst hochkarätig und klangfüllend durch das Junge Ensemble Dresden unter Leitung von Olaf Katzer und Friedrich Sacher an der Orgel begleitet. Zu Beginn begrüßte ein Posaunenchor vor der Kirche die zahlreiche Gäste und Besucher. Superintendent Christian Behr (Dresden Mitte) blies mit, bevor er den Gottesdienst liturgisch mit gestaltete.
Nach dem Gottesdienst gab es Schnittchen und Getränke während des Gemeindefestes.

Besichtigungszeiten:

Das Altarbild kann im Anschluss an die Gottesdienstzeiten, sonntags 12;00 Uhr und nach Vereinbarung mit dem Pfarramt besichtigt werden (Tel. 0351 4961966).

Hinweise auf Ausstellungen:

Vom 25. März bis 29. April 2017 wird in der Dresdner Galerie Gebr. Lehmann, Görlitzer Straße 16, eine Dokumentation über die Entstehung des Altarbildes geben. Besucherinnen und Besucher erleben die originale Arbeitssituation im Studio Dumas: Die Galerie ist mit Elementen aus Dumas Atelier, Skizzen und einigen wenigen Werken der beiden anderen Künstler Bert Boogaard eingerichtet. Die Eröffnung ist für Samstag, den 25. März, 16:00 Uhr, geplant. www.galerie-gebr-lehmann.de

Im Herbst 2017 werden zwei Ausstellungen mit Werken von Marlene Dumas bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen sein: im Albertinum Marlene Dumas zusammen mit Bert Boogaard und Jan Andriesse (17.10.2017 bis 14.01.2018) und im Kupferstich-Kabinett Marlene Dumas und Käthe Kollwitz (19.10.2017 bis 14.01.2018). www.skd.museum

Marlene Dumas wurde 1953 in Kapstadt geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Amsterdam. Dumas befasst sich in ihrer Malerei mit dem Menschenbild. Ganz aktuell und zugleich zeitlos sind ihre Themen: die Liebe und der Tod, Trauer oder die Suche nach Identität. Für einzelne Gesichter oder Figurengruppen greift sie auf Bildvorlagen zurück, auf eigene Fotografien und gesammeltes Material aus den Medien. Ihre Werke sind weltweit in vielen wichtigen Museen und Sammlungen vertreten. Ihre große Retrospektive The Image as Burden wird 2014 im Amsterdamer Stedelijk Museum, 2015 in der Tate Modern in London und in der Fondation Beyeler, Basel, gezeigt. Die fünf von ihr für das Altarbild der Annenkirche Dresden gemalten Rundbilder sind 2014 bis 2017 entstanden.

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