27. Landessynode - Frühjahrstagung 2016

Bericht vom 9. April 2016

Thementag mit Bibelarbeit, Referat, Präsentationen, Gruppenarbeit und Podium

Bereich

Bibelarbeit des ungarischen Bischofs Dr. Tamás Fabiny.

Der Thementag unter der Überschrift „Lutherische Kirche in der Einen Welt – Glaube und Gerechtigkeit” begann in einer morgendlichen Andacht im Kirchenraum mit einer Bibelarbeit des ungarischen Bischofs Dr. Tamás Fabiny. Er bezog sich auf das Jesus-Gleichnis bei Lukas (7,36–50) über den Geldverleiher, der die Schulden von zwei Gläubigern erlässt sowie die Rahmenhandlung über die Sünderin, die an Jesus glaubte, ihn ehrte und der Jesus die Sünden vergab.

Dr. Fabiny ging auf das Wechselverhältnis zwischen den beiden Begebenheiten ein. Er sprach damit die Frage von Schuld und Sünde an, indem er die Schlüsselbegriffe von Glaube und Gerechtigkeit auch aktuell thematisierte. So wies er auf persönliche Schuld bis zu Staatsverschuldungen hin, aber auch auf den moralischen und gesellschaftlichen Zusammenhang von Anschuldigungen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. 

Hier müsse die Kirche für die Demütigten und die Verabscheuten Sensibilität zeigen und Sympathie für die Frau im Gleichnis wecken, so der Bischof. Im Gleichnis stelle sich realistisch die Welt in einer scheinbar konstanten religiösen und gesellschaftlichen Rolle vor, „in der sich die Guten und die Bösen, die Gerechten und die Ungerechten gegenüberstehen”. Jesus stelle aber diese Welt auf den Kopf, indem das für gut gehaltene Individuum zum Bösen und der als negativ beurteilte Charakter zum Guten werde.

Expressis verbis sei dies Rechtfertigung durch den Glauben. Für Dr. Fabiny habe es radikale Konsequenzen, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Dies zeige sich im Schuldenerlass, im Verzeihen als individuelle Dankbarkeit und im Gesellschaftlichen. Die Rückerlangung der Würde der stigmatisierten Frau führe das Gleichnis an die Kultur des Glaubens, des Verzeihens und der Liebe heran, schloss Dr. Fabiny die Andacht.

Im Plenarsaal begrüßte Synodalpräsident Otto Guse die vielen anwesenden Gäste. Mit zwei Videoclips wurde in das Thema des Tages eingeführt.


Theologisches Auftaktreferat vom Leitenden Bischof Dr. Fredrick O. Shoo (Tansania)

Im Anschluss folgte das Theologische Auftaktreferat vom Leitenden Bischof Dr. Fredrick O. Shoo (Tansania) zum Thema „Rechtfertigung als Grundlage für Engagement in der gegenwärtigen Welt und Gerechtigkeit als Voraussetzung für eine friedliche Welt“.
Bischof Dr. Shoo dankte zunächst für die segensreiche Partnerschaft der beiden Kirchen und übermittelte die Grüße aus seiner Kirche. Die Rechtfertigung sei eine Befreiung für uns Menschen. Sie sei eine Einladung Gottes an alle Menschen, ein gerechtes Leben zu führen und sich für ein solches Leben einzusetzen. Ein gerechtes Leben basiere auf Gottes Liebe. Gottes Rechtfertigung sei die Befreiung von allen Arten der Gefangenschaft, von Versuchung und Unterdrückung. „Rechtfertigung gebe die Freiheit, eine neue Beziehung mit Gott, unseren Mitmenschen und mit Gottes Schöpfung einzugehen“, sagte Dr. Shoo. Es sei aber nicht so leicht, Gerechtigkeit zu definieren. Ungerechtigkeit zu definieren, falle oft leichter. Jeder habe schon einmal das Gefühl gehabt, ungerecht behandelt worden zu sein, von den Eltern, vom Chef, von der Regierung usw.

Der Mensch sei aber ein Teil der Welt und er habe die Macht, positive Veränderungen in der Welt herbeizuführen. Wir seien als Christen die Hände Gottes. Es reiche daher nicht aus, nur von Gott Frieden und Gerechtigkeit zu erwarten. Jeder könne etwas tun, um den Frieden in die Welt zu bringen. „Wir müssen wahrnehmen, dass wir zusammen in der Einen Welt leben und in vielerlei Weise miteinander vernetzt sind“, leitete der Bischof zur Globalisierung über.
Sie böte eine große Chance, uns gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit und eine gute Welt einzusetzen. Aber gleichzeitig habe die Globalisierung auch eine negative Seite: produziert werde in Ländern mit niedrigen Löhnen, verdient in Ländern mit niedrigen Steuern und gelebt in Ländern mit einer geschützten Umwelt. Durch das globalisierte System werden die Länder des Südens benachteiligt. Dr. Shoo berichtete, dass seine eigene Mutter als Kaffeebäuerin diese Benachteiligung ihr Leben lang erfahren musste.

Die Voraussetzung für Gerechtigkeit in der Welt sei, in ihr die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bedürfnisse der Menschen zu schützen. In Tansania gebe es die Redensart „Wir arbeiten Schulter an Schulter“. Es reiche nicht, dass nur in Deutschland die Umwelt geschützt werde.

Viele Konflikte entstehen, weil Menschen das Gefühl hätten, nicht gerecht behandelt zu werden. Die Auswirkungen dieser nationalen Konflikte gehen oft weit über die Landesgrenzen hinaus. Ein Beispiel dafür seien die weltweiten Flüchtlingsströme. Das Thema Migration fordere uns heraus, mehr über Migration zu lernen. Wir sollten wieder lernen, dass der Mensch wandert – auswandert und einwandert. Interessant sei es doch, wenn aus dem Norden auswandernde Menschen Touristen oder Experten genannt werden, während aus dem Süden auswandernde Menschen Flüchtlinge oder Migranten genannt werden. Migration sei normal, Sesshaftigkeit dagegen Luxus, so habe einmal ein bedeutender Mann gesagt. Diesen Luxus durfte selbst Jesus Christus nicht erfahren. Er war ein Flüchtling mit seinen Eltern. Er kam zurück, als das Land wieder ruhig war. Die Bibel sei voll von Geschichten des Wanderns.

Europa beschäftige sich gerade sehr stark mit dem Thema Migration und viele Politiker hätten keine Antwort und keine Lösung für die Flüchtlingsfrage. Nach Dr. Shoo müsse es vor allem um den gerechten Umgang mit Flüchtlingen gehen. Und hier komme für ihn das Handeln im Glauben ins Spiel: Menschen in sozialen Nöten zu helfen, sie zu trösten und zu stärken und für sie die Stimme zu erheben. Die Kirche sei herausgefordert, sich für ein gerechtes und menschenwürdiges Leben für alle einzusetzen. Migration sei auch eine Chance für die Landeskirche, wenn sie mehr auf die Talente und Fähigkeiten der Flüchtlinge setze. Die Kirche sollte Brücken bauen, anstatt Mauern.
Auch die evangelische Kirche in Tansania kümmere sich um Notleidende im eigenen Land, u.a. mit Schulen für Kinder mit Behinderungen, Waisenhäusern und Kleinkrediten. Sie engagiere sich gegen ausbeuterische Wirtschaftsverhältnisse und für eine nachhaltige Entwicklung, berichtet der Bischof. Beispielsweise seien die Konfirmanden in seiner Diözese angehalten, mindestens zehn Bäume zu pflanzen und für zwei Jahre zu pflegen, bevor sie konfirmiert würden. Glauben gehe nur durch Handeln. Christlicher Glaube sei keine Privatsache, sondern sei verbunden mit gesellschaftlichem Engagement für andere.


Impulse junger Menschen zum Thema Gerechtigkeit, im Großen wie im Kleinen.

Im Anschluss daran folgten Impulse junger Menschen zum Thema Gerechtigkeit, im Großen wie im Kleinen.
In einer Podiumsdiskussion mit Erzbischof Shoo und Bischof Dr. Fabiny sowie zwei jungen Vertretern der Young Reformers wurden die Themen des Vormittags noch einmal aufgegriffen. Dr. Fabiny betonte, dass Christen zu allen Zeiten miteinander verbunden waren und Gedanken und Ideen ausgetauscht und weitergegeben wurden. Er berichtete über die Situation in Ungarn, insbesondere im Blick auf die politische Situation unter der konservativen Regierung Viktor Orbáns, die Situation der Kirchen und die kirchliche Flüchtlingshilfe.
Für Erzbischof Shoo ist es vor allem der Glauben, der uns als Kirchen über die ganze Welt verbindet. Er sagte, „es gibt auf der Welt für alle Menschen genug, so dass kein Mensch an Hunger sterben dürfte, aber für die Gierigen, für die gibt es nie genug“.
Bischof Dr. Fabiny nahm zum Thema Schuldenerlass Stellung: Er bedauerte, dass die Forderung nach einem Schuldenerlass in der internationalen Politik nicht mehr im Blick seien. Er erläutert noch einmal die Begriffe Schuld und Sünde, auf die er in seiner Bibelarbeit eingegangen war.
Bischof Dr. Shoo berichtete über die Situation in Tansania und die Auswirkungen der Verschuldung auf den Alltag in dem afrikanischen Land.

 

 


Workshops und Ergebnisse - Podiumsdiskussion

Nach der Vertiefung der Themen in verschiedenen Workshops kamen die Synodalen am Nachmittag noch einmal zu einem Podium zusammen, in dem die Ergebnisse der Workshops zusammengetragen wurden und den beiden Gästen noch einmal das Wort erteilt wurde.

Der tansanische Bischof Dr. Shoo dankte der Synode, dass sie sich Zeit für diese wichtigen Fragen genommen habe. Und wünsche sich eine weitere Vertiefung der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Sachsen und Tansania und die Stärkung von Freiwilligenprogrammen für Jugendliche. Er ermutigte die Synodalen zu kleinen Schritten und zum Gebet füreinander.

Bischof Dr. Fabiny dankte der Synode für die Einladung und das echte Interesse an seinen Erfahrungen und der Situation seiner Kirche in Ungarn. Außerdem lud er die sächsischen Christen zu einem Gegenbesuch zu den Christlichen Begegnungstagen Anfang Juli nach Budapest ein.


Vorlage von Kirchengesetzen zur Beratung in der 1. Lesung

Nach dem Ende des Thementages setzte die Landessynode ihre Beratungen in den Abendstunden fort.

Es fand die erste Beratung über den Entwurf des Vierten Kirchengesetzes zur Änderung des Kandidatengesetzes statt.
Im Rahmen der ersten Beratung des Entwurfes zum Kirchengesetz über das Superintendentenamt brachte der Rechtsausschuss verschiedene Änderungen ein, denen allesamt zugestimmt wurde. Das vorliegende Gesetz regelt den Dienst von Superintendentinnen und Superintendenten in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. In Zusammenhang mit dem Superintendentengesetz beauftragte die Landessynode das Landeskirchenamt mit der Prüfung, ob sich das 2008 eingeführte Verfahren zur Besetzung von Superintendentenämtern mittels einer Wahl durch die Kirchenbezirkssynode bewährt hat. Ebenfalls um Prüfung gebeten wird das Landeskirchenamt zu der Frage, ob das Amt des Superintendenten angesichts der Zusammenlegung von Kirchenbezirken weiterhin mit einer Gemeindepfarrstelle verbunden bleiben soll.

Weiterhin wurde in der 1. Beratung der Entwurf des Kirchengesetzes zur Änderung des Kassenstellengesetzes und des Zuweisungsgesetzes vorgelegt. Mit dem Kirchengesetz wird die Finanzierung der kassenführenden Stellen nach dem vollzogenen Anschluss aller Kirchgemeindekassen an die kassenführenden Stellen nun auf ein neues Verfahren umgestellt, wobei die Trägerschaft beibehalten wird.

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