27. Landessynode - Frühjahrstagung 2017

Sonnabend, 01. April 2017

„Glauben bilden – auf dem Weg in die Kirche von Morgen“ 
Thementag mit Impulsreferaten, Werkstattarbeit, Feedback und Preisverleihung

Bereich

Synodalpräsident Otto Guse begrüßte die Mitglieder der Landessynode am Samstagmorgen zum Thementag mit der Überschrift „Glauben bilden – auf dem Weg in die Kirche von Morgen“. Neben den Synodalen waren zahlreiche Gäste aus den verschiedenen Bereichen der kirchlichen Bildungsarbeit anwesend. Der Thementag wurde moderiert von Michael Seimer und der Synodalen Kerstin Otto. Musikalisch begleitet wurde der Thementag durch ein Ensemble der Evangelischen Hochschule in Moritzburg. Drei Impulsvorträge aus theologischer, soziologischer und bildungswissenschaftlicher Sicht führten in das Thema ein. 

Impulsreferat 1: Theologische Perspektive

In seinem Impulsreferat ging Dr. Meis der Frage nach, ob sich der Glaube selbst als Gegenstand von Bildung begreifen lasse. Das würde bedeuten, dass Glaube bearbeitet, reflektiert, verändert werden könne und müsse, dass er mit rationalem Denken konfrontiert werden müsse. Andererseits sei Glaube auch geprägt durch das Vertrauen, ohne immer rational zu denken. Er wirft die Frage auf, warum bildungsferne Schichten so schwer von der Kirche zu erreichen seien, anders als jene, die eher im Bildungsbürgertum verortet seien. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass schon die Apostel feststellten, dass ihre Briefe nicht verstanden worden seien.

Auch für Martin Luther war die Spannung von Glauben und Denken ein Thema, wie Dr. Meis an verschiedenen Zitaten darlegte. Das schriftstellerische Wirken Luthers, seine intellektuelle Leistung und die Bildungsansätze der Reformatoren seien noch heute Grundlagen für kirchliches und gesellschaftliches Bildungshandeln.

Die Erfindung des Katechismus sei ein praktisches Beispiel der Glaubensbildung. Dr. Meis machte im Ergebnis deutlich, dass es keine wirkliche Alternative zu einem gebildeten Glauben gebe. Das Thema „Glauben bilden“ setze eine tiefe Wesensverwandtschaft von Glauben und Denken voraus: „Glaube will und muss denken!“

Geistesgeschichtlich habe die Verbindung von Glauben und Denken ihren Ursprung im griechischen und jüdischen Denken. So wohnen dem griechischen Denken die Freiheit des Geistes und das rationale Durchdringen selbstverständlich inne und sei auch von Paulus aufgegriffen worden. Gott sei um seiner selbst willen interessant, weil er abwesend ist. Der griechische Begriff Logos habe verschiedene Bedeutungen: Die vier Aspekte - Lesen, Sammeln, Erzählen und Rechenschaft geben - hätten jeweils wichtige Bezüge zur Glaubensbildung.

In der jüdischen Tradition habe die Glaubensbildung ebenfalls eine lange Tradition. Nicht um Bild Gottes zu werden sei Bildung nötig, sondern um das Bild Gottes zu wahren. Wer einen Menschen ansehe, sehe durch ihn Gott den Schöpfung, so Dr. Meis. Er weist darauf hin, dass im Alten Testament die Worte des „Bildens“ (von Gottes Schöpfung) und des „Lernens“ und des „Erinnerns“ (an die jüdische Tradition) eine besondere Bedeutung haben würden.



Impulsreferat 2 - Soziologische Perspektive

Religionssoziologische Perspektiven zum Thema stellte Yvonne Jaeckel von der Universität Leipzig vor. Sie stellt ihrem Impuls voran, dass sich Religionssoziologie immer auf den erfassbaren, immanenten Teil des Glaubens bezöge. Religion umfasse soziologisch fünf Dimensionen: religiöse Erfahrung, religiöse Rituale, religiöses Wissen, religiöse Ideologie (Glaubensinhalte) und Konsequenzen. Glaubensbildung beziehe sich laut Jaeckel inhaltlich auf die Weitergabe religiösen Wissens, bediene sich dabei aber auch aller anderen Dimensionen des Glaubens.

Sie wies auf den Traditionsabbruch in der religiösen Sozialisation hin, der sowohl in Westdeutschland, besonders gravierend aber in Ostdeutschland zu beobachten sei. Umfragen hätten ergeben, dass jüngere Kirchenmitglieder weniger religiöses Wissen (Bibelkenntnis, Kirchenlieder, Sprachfähigkeit im Glauben) aufwiesen als ältere Kirchenmitglieder. Umfragen zufolge ist eine diffuse Gottesvorstellung inzwischen weitaus stärker verbreitet als der Glaube an einen persönlichen Gott.

Yvonne Jaeckel erläuterte die Phänomene der Individualisierung und der Säkularisierung, aber auch die Pluralisierung der Religionen in Deutschland. Religiöse Pluralisierung werde demnach einerseits als Bereicherung und mit Interesse wahrgenommen, andererseits als Bedrohung mit der Folge der Verunsicherung.  Auch die Phänomene der Digitalisierung und Medialisierung haben Jaeckel zufolge Auswirkungen auf Individuen und ihre Kommunikation. Kirche von morgen müsse also diesen Entwicklungen Rechnung tragen, zum Beispiel in der Nutzung moderner Kommunikationsmedien.




Impulsreferat 3: Bildungswissenschaftliche Perspektive

Das dritte Impulsreferat hielt Dr. Ulrike Witten von der Universität Halle zur bildungswissenschaftlichen Perspektive zum Thema „Glauben bilden“. Zunächst erläuterte sie den Bildungsbegriff: Bildung sei ein reflexiver Prozess des Sich-Bildens, also von außen nicht zu bewirken. Jede Bildung habe einen Selbstbezug, einen Sozialbezug und einen Welt- und Sachbezug. Bildungsziele seien beispielsweise Urteilsfähigkeit und Mündigkeit. Bildung bedarf nach dem Bildungswissenschaftler Baumert immer der vier Modi der Weltbegegnung: mathematisch-naturwissenschaftlich, ästhetisch-künstlerisch, wirtschaftlich-gesellschaftsorientiert und religiös. Da diese vier Bildungszugänge sich nicht gegenseitig ersetzen können, sei es wichtig, die Perspektive der Religion weiterhin einzubringen. Demnach sei nicht nur Kirche auf Bildung, sondern auch Bildung auf Kirche angewiesen.

Theologisch könne ein Christ aus der Gottebenbildlichkeit schlussfolgern: Ich wurde gebildet. Pädagogisch müsse aber deutlich sein, dass der Bildungsprozess nicht als abgeschlossen angesehen werden könne. Bildung sei aktuell gefährdet, wenn sie nur bestimmten Zwecken dienen soll. Zur Verzweckung von Bildung könne religiöse Bildung ein wichtiges Korrektiv sein, so Dr. Witten. Dazu müssten natürlich bestimmte Qualitätskriterien gelten. Lernorte für Glaubensbildung seien Familie, Gemeinde, Schule, Medien und Öffentlichkeit. Kirche müsse ihre Präsenz in diesen verschiedenen Bildungsorten auch kommunizieren und damit öffentlich machen. Kritisch solle Kirche auch immer reflektieren, welche Menschengruppen und Milieus nicht im Blick sind oder erreicht werden. Bildung und Glaube haben auch Chancen in einer pluralen Gesellschaft: Sie ermöglicht, dass man sich ernsthaft mit anderen Positionen auseinandersetzt, auch religiös. So könne Bildung die Gelegenheit bieten, dass Glaubende und Nichtglaubende ins Gespräch kommen.


Oberlausitz 2040 – Glauben. Vertrauen. Leben - Damit Kirche vor Ort bleibt.

Im Foyer vor dem Essensaal informierten an einem Stand Superintendentin Antje Pech und Kirchenmusikdirektor Christian Kühne über Strukturüberlegungen im Kirchenbezirk Löbau-Zittau. An einer Pinnwand ist der seit 2016 stattfindende permanente Diskussions- und Informationsprozess aufgelistet, der in Kollegs und Konventen die zukünftige Struktur in den Blick nimmt. Das ambitionierte Unternehmen soll über die Einbindung aller Regionalkonvente ab 1.1.2019 zur Arbeit in drei Regionen führen. Die drei Einheiten umfassen zweimal über 10.000 und eine Einheit mit 8.000 Gemeindegliedern. Die im Papier „Kirche mit Hoffnung“ auf 2025  bezogenen Vorgaben wären in diesem Kirchenbezirk bereits ein bis zwei Jahre früher (im Konzept 1.1.2024) als Abschluss der Reform mit der endgültigen Rechtsform Kirchspiel umgesetzt. Superintendentin Antje Pech dränge darauf, neben dem häufig „zwanghaften Blick auf Zahlen und Grenzen“, den Prozess der Strukturanpassung durch Beratung sowie durch inhaltlich theologische Arbeit mit entsprechenden Veranstaltungen zu begleiten.


Werkstätten zu „Glauben bilden - Auf dem Weg in die Kirche von Morgen“

Der Nachmittag war gänzlich der Arbeit in den zwölf Werkstätten vorgesehen gewesen. So konnten die Teilnehmer in zwei Phasen auch an zwei Arbeitsgruppen teilnehmen, die über das ‚Haus der Kirche‘ verteilt waren. Folgende Werkstattthemen standen zur Auswahl:

  1. Kernlieder - ein Weg zur gemeinsamen Identität unserer Kirche?
    Kritische Betrachtung: Wie tragfähig ist die sogenannte „Eiserne Ration“?
    Referenten:
    LKMD Markus Leidenberger;
    Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singarbeit, Arbeitsstelle    Kirchenmusik

  2. Kerntexte – ein Weg zur gemeinsamen Identität unserer Kirche?
    Kritische Betrachtung: Wie tragfähig ist die sogenannte „Eiserne Ration“?
    Referentin:
    Pfn. i.E. Gabriele Mendt, Referentin im LKA für Bildung, Religionsunterricht, Schulen

  3. Interreligiöser Dialog – Herausforderung für unsere Kirche.
    Interreligiöses Lernen als neue Aufgabe in Kita, Schule und Gemeinde.
     Referent:
    Dr. Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungs- und  Sektenfragen der EVLKS

  4. Glauben bilden auf dem Land - Kirche als Bildungspartner im Sozialraum
     Referenten:
     Pfr. Dr. Jochen Kinder, Pfarrer im KBZ Leisnig-Oschatz
     Cordula Schilke, Bezirkskatechetin im KBZ Leisnig-Oschatz
     Pfr. Dr. Heiko Jadatz, Pfarrer im KBZ Leisnig-Oschatz

  5. Glauben bilden in der Großstadt - Kirche als Bildungspartner im Sozialraum
     Referent:
    Pfr. Nollau, Superintendent im KBZ Dresden Nord

  6. Kirche bildet Kinder – in Schule und Gemeinde.
    Chancen und Herausforderungen gemeindlicher Bildungsangebote für Kinder
     Referenten:
     Uwe Hahn, Bezirkskatechet im KBZ Leipzig
     Sabine Soffner, Bezirkskatechetin KBZ Pirna

  7. Ev. Schule und Gemeinde – Schnittstellen und Kooperationen
     Referenten:
     Pfr. Frank Meinel, Pfarrer im KBZ Aue
     Pfn. Beate Damm, Schulpfn. am Kreuzgymnasium

  8. Ev. Kindertagesstätte und Gemeinde - Schnittstellen und Kooperationen
     Referenten:
     Pfn. Angela Langner-Stephan, Pfarrerin in Leipzig-Lindenau-Plagwitz
     Anne-Kathrin Puchta, Leiterin der zugehörigen KiTa in kirchgemeindlicher Trägerschaft

  9. Konfirmandenarbeit in Stadt und Land.
    Auswirkungen neuer Arbeitsformen auf die sächsische Konfirmandenarbeit
     Referenten:
     Steffen Göpfert, Jugendwart im KBZ Meißen-Großenhain
     Kristin Preuß, Gemeindepädagogin im Kirchspiel Dresden-Neustadt
     Heike Siebert, Referentin für Konfirmandenarbeit im LJP Dresden

  10. Seniorenbildung – Geben und Nehmen.
    Älterwerden zwischen Engagement und Angewiesen sein
     Referenten:
     Frau Sabine Schmerschneider, Referentin für Erwachsenenbildung
     Frau Marion Kunz, Seniorenbeauftragte zur Förderung der Arbeit mit jungen Alten im KBZ Leipzig

  11. Neue Leitlinien für die Evangelische Jugend in Sachsen.
     Ev. Jugend in Sachsen arbeitet im Rahmen ihres Zukunftsprozesses zurzeit an neuen Leitlinien für ihre Arbeit. Das Zwischenergebnis wurde den Synodalen vorgestellt  und diskutiert.
    Referent:
    Pfr. Tobias Bilz,  Landesjugendpfarrer im LJP Dresden

  12. Geflüchtete und Migranten – mit ihnen leben.
    Neue Herausforderung in den und an die Gemeinden
     Referent:
    Albrecht Engelmann, Referent für Migration beim Diakonischen Amt (Radebeul) und Ausländerbeauftragter der EVLKS

Nach zwei Workshopzeiten am Nachmittag fand noch eine Podiumsdiskussion mit Referenten und Synodalen statt, die einzelne Diskussionen und Inhalte der Workshops aufgriffen. Es wurde deutlich, dass die Vielfalt der kirchlichen Bildungsorte und des kirchlichen Bildungshandelns etwas Besonderes und Bewahrenswertes ist.  


Förderpreis Raum der Stille – Feierliche Preisverleihung

Im Rahmen der Synodaltagung fand am Samstagabend die Preisverleihung der Evangelischen Schulstiftung statt. Ausgeschrieben hatte die Schulstiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens einen Förderpreis für ein Konzept für einen „Raum der Stille“.

Beeleitet wurde die Preisverleihung durch einen hochkarätigen Bläserkreis der Kirchgemeinde Constappel-Weißtropp und Unkersdorf. Der Bildungsdezernent des Landeskirchenamtes, Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, begrüßte die anwesenden Vertreter der evangelischen Schulen. Synodalpräsident Guse freute sich, nach einem gelungenen Tag zur Glaubensbildung nun die Praktiker für diese wichtige Arbeit in der Landessynode begrüßen zu dürfen. Er würdigte die evangelischen Schulen in Sachsen als Einrichtungen, die in bemerkenswerter Weise religiöse Bildung und Praxis an tausende christliche, aber auch nichtchristliche Kinder und Jugendliche in Sachsen vermitteln würden.

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing machte in seinem Grußwort deutlich, dass die evangelischen Schulen in Sachsen in pädagogischer Hinsicht sehr vielfältig, in der Ausrichtung auf die Vermittlung christlicher Werte jedoch vereint seien. Zum evangelischen Profil gehöre die Stärkung der Kinder und Jugendlichen, die Stärkung von Gemeinschaft und Sozialkompetenz ebenso, wie die Vermittlung allgemeiner und religiöser Bildung. Zur Stärkung von Schülern und Schulgemeinschaften gehörten auch die Orte in den Schulen, die der Gegenstand des Förderpreises sind: die Räume der Stille. Diese seien wichtig und würden gebraucht, um mitten im Schulalltag auch die Beziehung zu sich selbst und zu Gott pflegen zu können.

Professor Dr. Roland Biewald hielt die Laudatio für den 3. Preis, den die Förderschule Kleinwachau erhielt. Sie hatte ein Konzept für einen Raum der Stille im Foyer der Schule eingereicht, die die Besonderheiten der Schüler mit Epilepsie und geistiger Behinderung in den Blick nimmt.

Den 2. Preis erhielt das Evangelische Schulzentrum Leipzig für ihr Konzept eines Raums der Stille, der auch eine Offenheit für Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher Religionen ausstrahlt. Pfarrer Frank Meinel würdigte diesen Raum als ein „räumliches Kleinod und als eine Oase der Ruhe inmitten des Schulalltags“. Besonders erwähnte er, dass dieses Raumkonzept bereits vor vielen Jahren von Schülern, Eltern und Lehrern der Schule entwickelt worden sei.

Eine lobende Erwähnung erhielt die Evangelische Grundschule Radebeul, welches ein Raumkonzept „Gott in unserer Mitte“ vor 14 Jahren entwickelt hatte, wobei Schüler und Schülerinnen der Grundschule die Elemente dieses Raumes selbst gestaltet hätten.

Den 1. Preis erhielt das Evangelische Schulzentrum Pirna für das Konzept eines Raums der Stille in Kapellenform, der momentan im neuen Schulgebäude als Verbindungsbau zwischen den umfunktionierten Kasernengebäuden entsteht. Oberlandeskirchenrat Pilz, der auch Vorsitzender des Kuratoriums der Schulstiftung ist, hielt die Laudatio und würdigte den Ansatz, das evangelische Profil und die Glaubenspraxis mit dem Raum der Stille bewusst ins Zentrum der Schule zu stellen.

Der Förderpreis Raum der Stille wurde zu Beginn des Schuljahres 2016/17 vom Kuratorium der Schulstiftung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens für evangelische Schulen in Sachsen ausgeschrieben. Aus fünfzehn eingegangenen Bewerbungen hat das Kuratorium drei Schulen für den Preis nominiert. Der Förderpreis ist mit insgesamt 14.000 Euro dotiert und sollte gezielt das christliche Profil der evangelischen Schulen in Sachsen unterstützen und stärken.

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