27. Landessynode - Herbsttagung 2017

Freitag, 17. November 2017

Beratungen zur Kirchgemeindestruktur der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Bereich

Beginn der Tagung

Am Freitag, 17. November, kamen die Synodalen zur Herbsttagung im Haus der Kirche in Dresden zusammen. Die Tagung begann mit einer Morgenandacht in der Dreikönigskirche, die von Pfarrer Sebastian Schurig gehalten wurde. Im Anschluss daran eröffnete der Synodalpräsident Otto Guse im großen Sitzungssaal im die ordentliche Herbsttagung der 27. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er verpflichtete zunächst Pfarrer Mathias Tauchert als neues Mitglied der Landessynode. 

Die Tagung begann nicht wie gewohnt mit der Arbeit in den Ausschüssen, sondern startete mit drei Impulsreferaten zu den Kirchgemeindestrukturmodellen im Plenum. Die Landessynode hatte drei Persönlichkeiten aus der Landeskirche gebeten, sich in einem 15-minütigen Statement kritisch mit jeweils einem der drei in der Diskussion befindlichen Modelle für zukünftige Kirchgemeindestrukturen auseinanderzusetzen.


Impuls zu "Kirche mit Hoffnung"

Der ehemalige pommersche Bischof und späterer Beauftragter der evangelischen Kirchen im Freistaat Sachsen, Eduard Berger, begann mit einer kurzen Vorstellung seiner Person und damit verbunden einer Reflexion der Veränderungen in Gesellschaft und Kirche. Er äußerte seinen Eindruck, dass das Gefäß hierarchisch verfasster Landeskirchen die Lebenswurzeln der Ortsgemeinden gefährden könnte. Zur zunehmenden Überalterung der Gemeinden, dem fehlenden Nachwuchs, und den Sorgen und Nöten der Mitarbeitenden mahnt Eduard Berger das offene Gespräch an. Er kritisiert, dass der Schein einer flächendeckenden kirchlichen Versorgung in dieser prekären Situation aufrecht erhalten werden soll, obwohl dies augenscheinlich nicht mehr der Fall sei. Eduard Berger fragt in seinem Impuls, ob Seelsorge und Beziehungspflege in dieser Situation noch möglich sein werden.

Als Schwachstellen des Papiers "Kirche mit Hoffnung" bezeichnet er die Diskrepanz zwischen dem theologischen Mutmachervorspann, den bedrückenden Zahlen der Prognosen und den kühlen rechnerischen Schlussfolgerungen. Predigt, Seelsorge und Unterricht müsse wieder von Herz zu Herz gehen, so Berger. Es müsse offen geredet werden auch über Themen, die aktuell "beschwiegen" werden und auch über radikalere Einschnitte in aktuelle kirchliche Strukturen nachgedacht werden. 


Impuls zum "Modell der 28-33 Kirchenbezirke"

Zum „Modell der 28-33 Kirchenbezirke“ sprach der Annaberger Superintendent Dr. Olaf Richter in seinem Impulsreferat. Er ist vom Rat der EKD berufenes Mitglied der 12. Synode der EKD und der 11. Generalsynode der VELKD und Gast der hiesigen Synodaltagung. In seinem Impuls wandte er sich gegen die Rückkehr zur Kleinteiligkeit, die in der Geschichte nur selten erfolgreich gewesen sei. Vielmehr gelte der Satz "Gemeinsam sind wir stark". In diesem Zusammenhang würdigte er die Möglichkeit, dass die Basis in diesen Entscheidungen beteiligt wurde. Er zollte dem aus der Mitte der Landessynode entwickelten Modell der 28-33 Kirchenbezirke Respekt, sprach sich aber aus vier Gründen gegen dessen Umsetzung aus.

So stünden Aufwand und Nutzen in keinem akzeptablen Verhältnis zueinander. Eine Verdoppelung der Zahl der Kirchenbezirksstrukturen würde über Jahre viel Zeit und Kraft binden, dagegen wären die Vorteile eher gering. Strukturen seien in der Regel leichter zu vereinigen als neu zu begründen, zumal viele Vereinigungen in der Vergangenheit schon viel Zeit und Kraft gekostet hätten.

Weiter befürchtet Dr. Olaf Richter mit der Einführung dieses Modells eine Schwächung der mittleren Ebene. Die in dem Modell beschriebenen Aufgaben für verkleinerte Kirchenbezirke und deren Superintendenten entsprächen nicht den Aufgaben der aktuellen mittleren Ebene. Die vermittelnde Rolle zwischen Kirchgemeinden und Kirchenleitung würde bei zu kleinen Kirchenbezirken nicht mehr möglich sein. Auch die Symmetrie zu gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen sei nicht mehr gegeben. Dr. Olaf Richter prognostizierte die Veränderung des Superintendentenamtes, wenn das Modell eingeführt würde: Superintendenten würden dann weniger die Vertretung des Kirchenbezirkes nach außen, dagegen eher pastoralen Aufgaben nach innen wahrnehmen.

Als letzten Kritikpunkt nannte Dr. Olaf Richter die Schwächung der Autonomie und Selbstverwaltung der Kirchgemeinden, u.a. durch die Anstellung der Mitarbeitenden beim Kirchenbezirk oder der Landeskirche. Er plädierte für die Beibehaltung der aktuellen Kirchenbezirke, die Beibehaltung des Schwesterkirchverhältnisses und darüber hinaus für die Zusammenarbeit in Regionen. 


Impuls zum "Pfarrei-Modell"

 Der Zwickauer Bezirkskatechet Thomas Reuter sprach zum sogenannten Pfarrei-Modell. Er war Mitglied der 25. und 26. Landessynode. Zu Beginn seines Modells dankte er Oberkirchenrat Thomas Schlichting für die Entwicklung des Pfarrei-Modells, weil es die Diskussion in der Landeskirche bereichert und geweitet habe. Er kritisierte das Modell, weil es die Eigenständigkeit der Kirchgemeinden eben nicht vollumfänglich erhalten wolle. Kirchgemeinden könnten nicht wählen, welcher Pfarrei sie zugehörig sind. Sie müssten zusätzliche Ausschüsse bilden, die gerade im ländlichen Raum nur schwer zu bilden sein werden. Wenn die Verwaltungsmitarbeiter der Kirchgemeinden bei der Landeskirche angestellt würden, gäben die Kirchgemeinden auch hier ihre Eigenständigkeit auf. Es wäre eine "Eigenständigkeit light", so Thomas Reuter.

Die Bildung der Pfarrei diene nur dazu, den Einsatzbereich des Pfarrers zu beschreiben und die Verwaltung zu organisieren. Eine Arbeitsentlastung für den Pfarrer sei nicht zu erkennen und auch eine Dienstgemeinschaft der Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst sei in dem Pfarrei-Modell nicht angelegt. 

Die Verwaltungsstrukturreform der sächsischen Landeskirche werde durch die Einführung des Pfarrei-Modells umgekehrt. Damals wurde Verwaltung zentralisiert und eingespart, im Pfarrei-Modell würden Verwaltungseinheiten mit jeweiligen Verwaltungsleitern explizit wieder eingeführt. Wie dies finanziert werden solle, sei nicht geklärt.

Kaum benannt werde im Modell die künftige Rolle der Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern, stellt Thomas Reuter weiter fest. Auch hier sehe das Modell die Anstellung in der Landeskirche vor, wobei mehr Gremien darüber befinden müssten als bisher. Reuter äußert seine Befürchtung, dass die Mitarbeitenden zwischen den verschiedenen weisungsberechtigten Kirchenvorständen zerrieben werden. 

Weiter kritisiert Reuter den binnenorientierten Blick des Pfarrei-Modells. Viele missionarische und übergemeindliche Aufgabenbereiche der Kirche, mit denen sie in die Gesellschaft hineinwirken kann, würden nicht thematisiert. 


Arbeit in den Ausschüssen

Nach der Mittagspause begann die Arbeit in den Ausschüssen, die bis in die Abendstunden andauern wird. Die sechs ständigen Ausschüsse der Landessynode berieten wie in jeder Tagung über die ihnen zugewiesenen Eingaben an die Landessynode. Zudem wurden in alle Ausschüsse auch fachliche Fragen zu den Strukturmodellen bearbeiten, um eine Entscheidungsgrundlage für die Landessynode zu schaffen. 

Bereich

Berichte aus den Ausschüssen

Am Abend kamen die Synodalen wieder im Plenum zur weiteren Beratung der Strukturmodelle zusammen. Vertreter der einzelnen Ausschüsse berichteten von den Beratungen in den Ausschüssen. 

Der Theologische Ausschuss sollte die Frage bedenken, wie die Profile und geistlichen Prägungen von Gemeinden in den einzelnen Modellen erhalten werden können. Die Beratungen des Ausschusses führten zu der Erkenntnis, dass diese Fragen nicht wirklich zu beantworten sind, da neben den Strukturen noch andere Aspekte wie Identität, Mitarbeitende und ausreichende Freiräume eine Rolle spielten. 

In den Beratungen des Finanzausschusses wurde festgestellt, dass die finanziellen Bedingungen für alle Modelle dieselben sein werden: in allen Modellen werden Sparmaßnahmen in einer kleiner werdenden Kirche fortgeführt werden müssen und wird die Zahl der Mitarbeitenden zurückgehen. Die Modelle unterscheiden sich jedoch dahingehend, dass die Finanzhoheit für die Personalkosten bei "Kirche mit Hoffnung" im Kirchenvorstand liegt, im Pfarrei-Modell zunehmend ins Landeskirchenamt wandert und im Modell der 28-33 Kirchenbezirke vorrangig beim Kirchenbezirk liegen würde. 

Der Sozial-Ethische Ausschuss hat sich mit der missionarischen Wirkung der Kirche in die Gesellschaft beschäftigt und kam zu der Einschätzung, dass diese am ehesten beim Modell "Kirche mit Hoffnung" gegeben sei. Dieses Modell müsse allerdings dringend überarbeitet werden, um mehr Flexibilität zu schaffen hinsichtlich der Größe der Regionen, hinsichtlich größerer Vielfalt und im Blick auf die Freiwilligkeit von Zusammenschlüssen. 


Der Bildungs- und Erziehungsausschuss hatte die Aufgabe, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit der drei Berufsgruppen im Verkündigungsdienst in den einzelnen Modellen zu prüfen. Im Pfarrei-Modell wird zur Zusammenarbeit der Berufsgruppen kaum etwas gesagt, weshalb dem Ausschuss eine Bewertung dieses Modells nicht möglich war. Im Modell der 28-33 Kirchenbezirke werde die Zusammenarbeit näher beschrieben, wobei die Angaben zu Steuerung und Zusammenarbeit der Berufsgruppen teilweise widersprüchlich seien. Das Modell "Kirche mit Hoffnung" legt großen Wert auf eine Zusammenarbeit der Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, die Anstellung sei hier klar geregelt. Bei den anderen Modellen seien die Anstellungen bei der Landeskirche bzw. beim Kirchenbezirk vorgesehen, wobei die Frage der Anbindung an die örtlichen Kirchgemeinden in vieler Hinsicht offen bliebe. Am Modell "Kirche mit Hoffnung" wurde jedoch kritisiert, dass die zukünftige Strukturierung der Verwaltung nicht deutlich genug geklärt werde.

Der Rechtsausschuss hatte Fragen zur Umsetzbarkeit und den gesetzlichen Grundlagen für die einzelnen Modelle zu beraten. Bei "Kirche mit Hoffnung" wären vor allem das Kirchgemeindestrukturgesetz und bei einer Verringerung der Kirchenbezirke auch das Kirchenbezirksgesetz zu ändern. Dagegen sieht der Ausschuss beim Modell der 28-33 Kirchenbezirke neben der Änderung des Kirchenbezirksgesetzes noch eine Vielzahl an weiteren notwendigen Gesetzesänderungen. Dies gilt ebenfalls für das Pfarrei-Modell. Wenn man das Pfarrei-Modell allerdings als eine Weiterentwicklung des Schwesterkirchverhältnisses betrachten würde, sähe dies wieder anders aus, so erläuterte Pfarrer Nogrady.

Pfarrer Schurig berichtete aus dem Gemeindeaufbau-, Missions- und Diakonieausschuss, der mit der Sichtung der Vielzahl der Eingaben zu diesem Thema betraut war. Er stellte fest, dass die Eingaben eine zunehmende Veränderungswilligkeit der Gemeinden zeigten. Viele Eingaben sprachen sich für eines der alternativen Modelle aus. Eine immer wiederkehrende Forderung sei die Erhaltung der Selbständigkeit der Gemeinden, wobei nicht deutlich wurde, woran das jeweils festgemacht wird. Eine Zwang zu Vereinigungen wurde jedoch abgelehnt. Profilgemeinden wünschten sich die Möglichkeit zur eigenen Anstellung von zusätzlichen Mitarbeitenden. Die Größe der Regionen im Modell "Kirche mit Hoffnung" wurde insbesonders durch die ländlichen Gemeinden kritisiert. Im Ergebnis sprach sich der Ausschuss nicht für eines der Modelle aus, sondern sieht bei allen Modellen Stärken und Schwächen. Er sieht in der Überarbeitung des geltenden Kirchgemeindestrukturgesetzes im Sinne der Anliegen der Eingaben den angemessensten Weg.

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