Inklusion

Inklusive Gottesdienste

Bereich

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Gottesdienste sind vom Grundgedanken her von Anfang an inklusiv gedacht. Aber wie lässt sich Inklusion in unseren Gottesdiensten in der Praxis umsetzen? Was sollte im Blick sein und was sind hilfreiche Tipps? Dazu gibt es schon Überlegungen und Praxisbeispiele, die hier zusammengestellt sind.

Handreichungen

Gottesdienst für alle. Impulse für einen inklusiven Gottesdienst

„Gottesdienst ist … immer schon inklusiver Gottesdienst“ – mit dieser Aussage will die Handreichung „Gottesdienst für alle“ Mut machen, die eigenen Ressourcen in den Blick zu nehmen und inklusive Gottesdienste zu wagen. Dazu haben die Autoren Erfahrungen und Materialien zusammengetragen. Die Handreichung versteht sich als Werkstatt, die zum Ausprobieren einlädt und zum Ergänzen auffordert.

Vorangestellt sind Überlegungen zu Inklusion – allgemein und theologisch. Der Blick auf den inklusiven Gottesdienst geschieht in vier entscheidenden Wirkfelder: Sinndeutung, existentielle Erfahrung, ethische Handlungsorientierung, Beziehung. Ein inklusiver Gottesdienst lässt möglichst viele dieser Wirkfelder bei möglichst vielen Gottesdienst-Feiernden spürbar werden. Diese vier Wirkfelder werden vorgestellt und mit konkreten Vorschlägen für die Gottesdienstpraxis ergänzt.

Die Handreichung stellt eine Übersicht zusammen zu den „besondere Bedürfnisse von ganz verschiedenen Menschen“ und ergänzt diese mit praktischen Hinweisen zur Feier des Abendmahles im inklusiven Gottesdienst. Hinzu kommt ein „A-Z des inklusiven Gottesdienstes“ – ein Schlagwortverzeichnis als Orientierung, was zum inklusiven Gottesdienst dazugehören kann. Zum Schluss stellt die Handreichung zwei Modelle inklusiver Gottesdienstformen und Predigtbeispiele in Leichter Sprache vor.

Hg.: Netzwerk Kirche inklusiv/Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland (2015) 


Wir wollen Vielfalt. Bündnis für Inklusion – Aktionen zum Mitmachen

Das Vielfalter-Begleitheft stellt Aktionen und Praxisbeispiele zusammen, die Inklusion fördern. Inklusion, wird als „die Kunst des Zusammenlebens von sehr Verschiedenen“ bezeichnet.

Das Begleitheft von 2014 enthält Materialien und Aktionen zum Symbol des Zeltes.

In einem ersten Teil sind Überlegungen und Informationen zu Zelt, Bauen und Wohnen zusammengestellt – mit historischen, biblischen und handwerklichen Hintergründen, außerdem wird der Blick auf soziokulturelle und literarische Aspekte zum Themenfeld gelenkt.

Gesammelt sind in diesem Begleitheft Andachten, Gottesdienste und Predigten zum Thema Zelt mit entsprechendem Material; außerdem enthält das Heft eine Sammlung von Spielen, Texten und Gestaltungsideen, Gesprächsimpulsen und Anleitungen, Aktionen zum Themenfeld Zelt und Wohnen.

Sehr konkret, sehr praxisorientiert, beispielorientiert

Hrsg.: Bündnis für Inklusion, getragen vom Pädagogisch-Theologischen Institut (PTI) der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Integrativen Gemeindearbeit des Ev. Kirchenkreises Gladbach-Neuss und Pfarrstelle für Behindertenarbeit des Ev. Kirchenkreises an Sieg und Rhein.


Vielfalter – Symbol für Vielfalt und Inklusion

Das Vielfalter-Begleitheft stellt Aktionen und Praxisbeispiele zusammen, die Inklusion fördern. Inklusion, wird als „die Kunst des Zusammenlebens von sehr Verschiedenen“ bezeichnet.

Das Begleitheft von 2016 enthält Materialien und Aktionen zum Symbol des Vielfalters.

Am Anfang stehen neben der Anleitung zum Häkeln des Falters geschichtliche, biologische, kulturelle Hintergrundinformationen, (schöpfungs-)theologische Überlegungen und kreative Umsetzungen und Assoziationen zum Symbol des Vielfalters, zu Wurm und Raupe. Es wird weiterhin die Übertragung des Symbols Vielfalter auf die inklusive Gemeindearbeit mit Praxisbeispielen (Vielfaltertage in Bonn) erklärt.

Gesammelt sind in diesem Begleitheft vielfältige Predigtbeispiele und Beispiele für inklusive Gottesdienste und Andachten, ein Bespiel für eine Werkstatt für Menschen mit und ohne Behinderung und Ideen für Kindertagesstätten zum Symbol Schmetterling.

Sehr konkret, sehr praxisorientiert, beispielorientiert

Hrsg.: Bündnis für Inklusion, getragen vom Pädagogisch-Theologischen Institut (PTI) der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Integrativen Gemeindearbeit des Ev. Kirchenkreises Gladbach-Neuss und der Pfarrstelle für Behindertenarbeit des Ev. Kirchenkreises an Sieg und Rhein.

Praxisbeispiele

Praxisbeispiel Inklusion: Ev.-Luth. Kirchgemeinde Dresden - Gruna-Seidnitz

 (1.) Seit Jahren bieten wir als Ev.-Luth. Kirchgemeinde Dresden-Gruna-Seidnitz Andachten bzw. Predigtgottesdienste an im Haus „Vincenz von Paul“ (Marienberger Str. 9, 01279 Dresden), das Wohngruppen geistig behinderter Menschen beherbergt. Wir tun dies im monatlichen Wechsel mit der röm.-kath. Kirchgemeinde „Heilig Kreuz“, Dresden.

Die geistlichen Angebote (mittwochs, 11 x jährlich für je 40 bis 50 Minuten) finden in einem Andachts- und Kulturraum statt, in dem auch ein Klavier steht. Wir als ev. Gemeinde haben einen ehrenamtlichen Klavierspieler für die dortigen Gottesdienste, der regelmäßig mit einem Bewohner in seiner Wohnung musiziert (Klavier und Flöte) und so auch gleich musikalische Beiträge für die Gottesdienste vorbereitet. (Das Musizieren ist immer verbunden mit einer Bewirtung und Zeit für weiteres Miteinander.)

Einige nicht geistig behinderte Gemeindeglieder besuchen ebenfalls diese Gottesdienste. Normalerweise gehören zur Gottesdienstgemeinde durchschnittlich ca. 20 Personen (mitunter auch deutlich mehr).

Ergänzt werden diese Gottesdienstangebote durch Besuche musikalischer Dienstgruppen im Haus. Ein „kirchlich nicht gebundener“ Männerchor, der in unseren Altseidnitzer Räumlichkeiten übt, besucht regelmäßig die Bewohner_innen von „Vincenz von Paul“ (z. B. im Advent). Und auch unser Posaunenchor kommt dort gelegentlich zum Einsatz (z. B. bei Sommerfesten). 

(2.) Wir beteiligten Pfarrer haben uns verständigt, die geistlichen Angebote „Gottesdienste“ zu nennen, weil unter dem Stichwort „Andacht“ eher das kleine Format gedacht wird. Nach unserer Herangehensweise bilden die Bewohner_innen und Gäste des Hauses eine regelrechte christliche Gemeinde, die Gottesdienst feiert.

In den Gottesdiensten lassen sich schwerlich intellektuelle Inhalte vermitteln, weil die Begabungen der Hausbewohner_innen auf anderen Gebieten liegen. D. h.: Die Gottesdienste werden so konzipiert, dass beim gemeinsamen Singen und Beten erlebt werden kann: „Gott ist hier bei uns. Und das ist Grund zum Feiern.“ 

Gebete mit Händen und Füßen, Bewegungslieder, Gebetsrituale mit Kerzen u. ä. prägen die gottesdienstlichen Stunden. (M. E. hat sich ein Zeitrahmen von 35-40 Minuten bewährt. Mehr ist schnell zu viel.)

(3.) Das Haus „Vincenz von Paul“ stellt nur den Raum (und die Fürbittkerzen) zur Verfügung und sorgt dafür, dass die Bewohner_innen informiert werden über das Angebot. Einzelne Mitarbeiterinnen sind durchaus für Gottesdienst aufgeschlossen. Aber von einem größeren Interesse zu sprechen, wäre übertrieben. – Es fällt auf, dass auch Praktikant_innen und sonst im Haus zeitweise Mitarbeitende oft nicht kirchlich sozialisiert sind.  Insofern liegt es nahe, auch im Blick auf diese Menschen punktuell zu versuchen, Brücken zu bauen. (D. h.: Informationen zum Kirchenjahr richten sich manchmal gerade an diese „Zielgruppe“ und nicht in erster Linie an die Hausbewohner_innen.)

 (4.) Erfreulicherweise wurde erreicht, dass sich die Hausgemeinde als Teil der Kirche ernstgenommen erlebt. Das zeigt sich u. a. auch darin, dass bei betreuten Spaziergängen von Hausbewohnern nicht selten das Gelände der Nazarethkirche besucht (und beim Pfarrer geklingelt) wird.

Ein Hausbewohner hat sich zur Taufe in der Kirchgemeinde gemeldet. (Da muss die Teilnahme an den Gottesdiensten als Katechumenat gelten, weil mehr nicht möglich ist.)

In den sonntäglichen Gemeindegottesdiensten sind Menschen aus „Vincenz von Paul“ ausdrücklich willkommen. Und einzelne lassen sich auch regelmäßig einladen.

Mit großer Freude gehören ein Rollstuhlfahrer und ein anderer Hausbewohner zu den Kollektensammlern in der Kirchgemeinde. Gerade am Ausgang sammeln sie mitunter so engagiert, dass sich kaum jemand traut, nichts in das Körbchen zu legen (-;

Dass die Hausgemeinde quasi einen eigenen Flötenspieler hat (wie oben bereits erwähnt), wird in der Kirchgemeinde gewusst. Und dieser (autistische) Flötenspieler ist auch schon in den Kirchen unserer Gemeinde zum Einsatz gekommen.

Ungeklärt ist bis jetzt, ob wir in der konfessionell gemischten Hausgemeinde (mit etlichen, die vermutlich zu keiner Kirche gehören) auch Agape oder sogar Abendmahl feiern könnten.

 (5.) Gottesdienst zu feiern mit geistig Behinderten und geistig nicht Behinderten, ist dann anspruchsvoll, wenn wirklich alle erreicht und adäquat „angesprochen“ werden sollen. 

 (6.) Auch wenn ich als Pfarrer, den man im Haus „Vincenz von Paul“ nun schon ziemlich gut kennt, von den Bewohner_innen mit „Du“ angesprochen werden, nutze ich als Anrede die Vornamen und das „Sie“, um Wertschätzung auszudrücken.

Dass zu dieser Arbeit Offenheit auch für körperliche Nähe wie freundschaftliche Umarmungen und konkretes Händeauflegen beim Segnen nötig ist, sei nur am Rande erwähnt. Bei den „Fürbitten“ kann mancher Hausbewohner nach Entzünden seiner Fürbittkerze nur öffentlich reden und sein Gebetsanliegen mehr oder weniger verständlich zur Sprache bringen, wenn ich ihm ermutigend die Hand auf  die Schulter lege.

 (7.) Wir lernen im Miteinander: Gott teilt sich ermutigend uns mit, auch wenn wir ihn nicht verstehen können.

 

Dr. Michael Führer, Pfarrer in Dresden

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Literaturhinweise

Alle Titel sind in der Bibliothek des Landeskirchenamtes ausleihbar.

  • Christiane Bindseil: Inklusiver Gottesdienst – Theorie und Praxis am Beispiel eines Heidelberger Projektes, in: Johannes Eurich; Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.): Inklusive Kirche, Stuttgart: Kohlhammer 2011, S. 199-206.
  • Kyra Seufert; Gerd Frey-Seufert: „Mit dabei“ – inklusiver Gottesdienst. Außergewöhnliche Begegnung sensibilisiert für andere Lebenswelten, in: Johannes Eurich; Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.): Behinderung – Profile inklusiver Theologie, Diakonie und Kirche, Stuttgart: Kohlhammer, 2014, S. 277-283.
  • Frank Peters: Inklusiv feiern: Anreizung zu einem partizipativen Gottesdienst, in: Michaela Geiger; Matthias Stracke-Bartholmai (Hrsg.): Inklusion denken: theologisch, biblisch, ökumenisch, praktisch, Stuttgart: Kohlhammer 2018, S. 279-291.
  • Cornelia Jager: Gottesdienst ohne Stufen: Ort der Begegnung für Menschen mit und ohne geistige Behinderung, Stuttgart: Kohlhammer 2018.

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